Die migrationskirchliche Landschaft in Berlin ist sehr vielfältig: Syrisch-orthodoxe Gläubige, finnische Lutheraner, brasilianische und nigerianische Pfingstler, koreanische Presbyterianer und polnische Katholiken feiern jeden Sonntag Gottesdient in Berlin.

Ein kleiner Teil ist Mitglied im internationalen Konvent.

Nach unseren Schätzungen gibt es ungefähr 250 Migrationskirchen in Berlin. Da jedoch viele, vor allem die protestantischen Migrationskirchen aus Gebetskreisen und Bibelstunden unbemerkt in Wohnzimmern entstehen und erst durch persönliche Beziehungen entdeckt werden, oder wenn sie sich auf der Suche nach Gottesdiensträumen an deutsche Gemeinden wenden, könnte es natürlich sehr viel mehr Migrationskirchen geben.

Mit dieser Webseite versuchen wir deshalb, einen besseren Überblick und Einblick in die migrationskirchliche Landschaft in Berlin zu schaffen.

Migrationskirchen sind nicht nur durch ihre Konfession geprägt, sondern auch durch die Kultur vor allem der Gemeindeleiterinnen und - leiter. Ein Gottesdienstbesuch in einer katholischen Gemeinde mit ghanaischen, deutschen oder kroatischen Mitgliedern kann eine sehr unterschiedliche Erfahrung sein. Die politische und religiöse Lage prägt ebenfalls das gemeindliche Leben in der Diaspora.

Im Folgenden finden Sie die Migrationskirchen nach Konfessionen aufgeteilt. Auf der Karte sind sie nach Sprachgruppen und zum Teil auch Konfessionen sortiert.

Hier finden Sie einen Einblick in die indonesischen Gemeinden in Berlin.

Katholisch muttersprachliche Gemeinden

Im Erzbistum Berlin gibt es 25 katholisch-muttersprachliche Gemeinden. In 16 Sprachen wird jede Woche die Messe gehalten. Insgesamt haben etwa 30% der Katholiken in Berlin eine Migrationsgeschichte. Die größte Gruppe davon sind die polnischen, kroatischen und vietnamesischen Katholiken.

Orthodox/altorientalische Kirchen

Die Zahl der orthodoxen oder altorientalischen Kirchen beträgt ungefähr 20. Sie sind regional oder ethnisch als eigenständige Kirchen organisiert. Zum Teil gibt es mehrere Gemeinden einer orthodoxen Kirche, ansonsten bestehen sie aus folgenden Gruppen: armenisch, russisch, serbisch, bulgarisch, rumänisch, koptisch, äthiopisch, syrisch, griechisch, mazedonisch.

Protestantische Migrationskirchen

Die protestantische migrationskirchliche Landschaft mit ihren 200 Gemeinden im Vergleich zu den oben genannten Kirchen etwas unübersichtlicher. Die innerprotestantischen Vielfalt umfasst pfingstliche, landeskirchliche, freikirchliche Migrationskirchen, sowie eine große Zahl von unabhängigen Kirchen.

Die pfingstlichen Gemeinden afrikanischen Ursprungs sind mit ungefähr 80-100 Gemeinden die größte Gruppe der Migrationskirchen. Auf dieser Webseite konnten wir jedoch erst 60 dieser Gemeinden erfassen. Die Zahl der koreanischen Gemeinden beträgt etwa 50, aber auch hier war es uns nur möglich, Daten von der Hälfte der Gemeinden zu bekommen.

Auf unserer Karte ‚Gottesdienstorte‘ finden Sie protestantische Migrationskirchen in über 25 Sprachen.

Bitte schicken Sie uns eine Email, falls Sie Migrationskirchen kennen, die nicht auf dieser Liste erfasst sind oder ihren Gottesdienstort gewechselt haben. Um unsere Datenbank aktuell zu halten, brauchen wir Ihre Hilfe.

Migrationskirchen in Deutschland

Die Existenz von Migrationskirchen in Deutschland ist kein neues Phänomen. Bereits 1544 kann eine niederländische Gemeinde in Köln/Frankenthal nachgewiesen werden. Die Zahl von Migrationskirchen, ihr Selbstbewusstsein und ihre Bedeutung nahmen jedoch erst in den letzten 25 Jahren stark zu. Heute schätzt man sie auf 2000-3000 und geht davon aus, dass die Anzahl dieser Gemeinden weiter zunimmt. Dies zeigt zum Beispiel die Statistik des ‚Bund freier Pfingstkirchen‘. Nur 13 Migrationskirchen gehörten 1992 dem Bund an. Die Zahl stieg 2011 auf 264, also 34,9% aller Mitgliedskirchen und 2013 zählten sie schon 285 (36,4%).

Migrationskirchen entstehen oft parallel zu Einwanderungs- und Fluchtbewegungen in Deutschland. Tamilische Gemeinden wurden durch Geflüchtete, die während des Bürgerkriegs in Sri Lanka in den 1980-er Jahren nach Deutschland kamen, gegründet. In den letzten Monat entstanden auf Grund der aktuellen Fluchtbewegungen vermehrt arabisch- und farsisprachige Gemeinden. Die Gemeinden sind Orte, an denen das Trauma der Flucht gemeinsam verarbeitet werden kann. Der Glaube an Gott, der Gottesdienst in der Muttersprache, die soziale und praktische Unterstützung, das Teilen von gemeinsamen Erfahrungen sind wichtige Aspekte im emotionalen Heilungsprozess.

Kategorisierung von Migrationskirchen

Die migrationskirchliche Landschaft in Deutschland ist sehr komplex und muss ausdifferenziert betrachtet werden. Claudia Währisch-Oblau teilt Migrationskirchen in vier Kategorien ein:

  1. „Etabliert-denominationelle Diaspora-Gemeinden“ sind monoethnisch. Sie wurden meist in Absprache mit Heimatkirche und Kirchen in Deutschland gegründet. Zu ihnen gehören unter anderem die finnisch-lutherische Kirche, orthodoxen Kirchen und katholisch muttersprachlichen Missionen. Diese Gemeinden sehen es als ihre primäre Aufgabe, eine geistliche und soziokulturelle Heimat für die jeweilige christliche Diaspora zu schaffen. Dabei sind die ethnische und nationale Zugehörigkeit sowie die Sicherung der eigenen kulturellen Identität in der Fremde sehr wichtig.
  2. „Freikirchliche Missionsgemeinden“ sind ebenfalls monoethnisch. Ihre Mitglieder kommen aus China, der Türkei, dem Iran oder arabischen Staaten. Sie wurden mit Unterstützung von deutschen freikirchlichen Gemeinden und Missionswerken gegründet, um so Brücken der Evangelisation zu den ‚geschlossenen’ Heimatländern zu bauen. Diese Gemeinden konzentrieren sich auf die nichtchristlichen Mitglieder ihrer eigenen Diaspora, um ihnen das Evangelium nahe zu bringen. Sie haben nicht die Absicht, sich für deutsche Mitglieder zu öffnen. Der Fokus einer chinesischen Gemeinde in Berlin sind die chinesischen Studierenden.
  3. „Gemeinden reverser Missionskirchen“ verstehen sich als internationale Gemeinden. Ihre Mitglieder kommen hauptsächlich aus Zentral- und Westafrika, aber auch aus Korea. Sie sind pfingstliche oder afrikanisch-unabhängige Kirchen mit starken Verbindungen zu den überseeischen Mutterkirchen. Sie wünschen sich jedoch deutsche Mitglieder. Deutschland sehen sie als „Missionsfeld“, das mit dem Evangelium erreicht werden muss.
  4. „Unabhängige, nicht-denominationelle neue Missionskirchen“ haben ihren Ursprung ebenfalls oft in Zentral- und Westafrika. Sie sind ähnlich ausgerichtet wie Gemeinden reverser Missionskirchen, haben aber nur lockere Kontakte zu ihren Herkunftsländern und sind hier als unabhängige Gemeinden entstanden.

[Vergl. Währisch-Oblau, Claudia: Migrationskirchen in Deutschland. Überlegungen zur strukturierten Beschreibung eines komplexen Phänomens. In: Zeitschrift für Mission 31. Jahrgang (2005), Nr. 1-2, S. 19-39]

Im Selbstverständnis vieler Migrationskirchen spielt Mission im Sinne einer Evangelisation eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig erfüllen sie alleine durch ihre Existenz verschiedene gesellschaftliche Funktionen.
Migrationskirchen sind die geistliche und soziokulturelle Heimat für ihre Mitglieder, die oft ohne ihre Familie und ihre sozialen Netzwerke in Deutschland leben. Die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig in ihren schwierigen Lebenslagen. Gleichzeitig erfüllen Migrationskirchen eine wichtige Integrationsfunktion: Sie helfen ihren Mitgliedern in Deutschland anzukommen und sich im Alltag zurechtzufinden. Immer mehr Migrationskirchen nehmen ihre Rolle als Brückenbauer ernst. Sie initiieren Integrationsprojekte, bieten Hausaufgabenhilfe an und engagieren sich in ihrer Nachbarschaft. Außerdem ermutigen Pastoren ihre Mitglieder, Deutsch zu lernen, sich für die Gesellschaft zu engagieren und Deutschland zu dienen.

Migrationskirchen sind ebenfalls Partner in der Ökumene. Diese Partnerschaften entstehen jedoch nicht natürlich. Sie müssen initiiert werden und sind von großen Herausforderungen begleitet. Aber gerade in diesen interkulturellen Partnerschaften liegt eine große Chance zur Integration, denn durch sie können Brücken in die deutsche Gesellschaft gebaut werden. Mehr Informationen darüber, finden Sie unter interkulturelle Beziehungen.

Diese unterschiedlichen Funktionen zeigen, welchen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag Migrationskirchen oft im Verborgenen leisten. Die Realität vieler Migrationskirchen hindert sie jedoch daran, ihr Potential auszuschöpfen. Die Lebenssituation vieler Mitglieder ist prekär. Als Geflüchtete oder Menschen mit Migrationsgeschichte bekommen sie oft nur schlecht bezahlte Jobs und müssen zum Teil durch Schicht – und Sonntagsarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Dies beeinflusst die Verbindlichkeit und Kapazität vieler Mitglieder in ihrem gemeindlichen Engagement. Weil sie selbst mit dem Überleben kämpfen ist auch die Finanzkraft der Gemeinden gering. Das Jahresbudget einer afrikanischen Gemeinde in Berlin liegt bei 6000 € das meiste davon verschlingt die Miete. Der Pastor arbeitet vollzeitlich und leitet die Gemeinde ehrenamtlich. Ich kenne einige Pastoren, die als Lastwagen- oder Taxifahrer ihren Lebensunterhalt verdienen, in Restaurants oder Putzkolonnen. Die eigenen Möglichkeiten der Migrationskirchen sowie ihre Kapazität sich nach außen zu öffnen, werden dadurch sehr eingeschränkt.

Als Grundlage dieser Einführung dient: Dümling, B./Sommerfeld, H. (2016): Neue Gemeinden hat die Stadt - Migranten, Migrationskirchen und interkulturelle Gemeinden. In: Sommerfeld, H.: Mit Gott in der Stadt. Die Schönheit der urbanen Transformation. Transformationstudien 8. Marburg: Francke Verlag, S. 407-424.

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